Warum überhaupt Bio-Produkte?

Worum geht es überhaupt? Einerseits ist die Effizienz der Nahrungsproduktion das Thema, andererseits das Wohlergehen für alle lebenden Wesen auf unserer Erde sowie die Lebendigkeit des Bodens.

Bio aus Ehrfurcht vor dem Leben, das unsere Erde seit vielen Jahrmillionen entwickelt und aus Überzeugung, dass nur im Einklang mit der Natur produzierte Lebensmittel uns Menschen gesund erhalten können, da unser ganzer Körper aus dem besteht, was wir gegessen haben.

Dazu einige vertiefende Argumente:

1. Was heißt „Bio“?
2. Kann Bio die Weltbevölkerung ernähren?
3. Bio und Boden
4. Argumente der Chemieindustrie
5. Erfahrungshorizonte

Im Einzelnen:

1. Was heißt „Bio“? Im Wesentlichen gibt es zwei Strömungen der Bio-Landwirtschaft: biologisch-dynamisch (=biodynamisch) und organisch-biologisch. Die erstere wurde von Rudolf Steiner nach dem ersten Weltkrieg entwickelt, die letztere ist eine abgespeckte Version davon, die Hans Müller theoretisch fundiert hat. Die biodynamische Landwirtschaft zeichnet sich aus durch Kreislaufwirtschaft (vor allem durch Verwendung eigenen Mistkomposts), standortgemäßen Fruchtwechsel, Aufbau von Humus und Bodenleben (durch nur oberflächliche Bodenbearbeitung), wesensgemäße Tierhaltung und -fütterung, Verzicht auf synthetische Düngemittel, Herbizide, Pestizide und Fungizide (im Klartext: Gifte!). Bei organisch-biologischer Landwirtschaft kommt es in erster Linie nur auf den Chemieverzicht an.

2. Kann Bio die Weltbevölkerung ernähren? Der Hektar-Ertrag ist bei allen biologischen Anbaumethoden angeblich geringer als bei der sogenannten konventionellen Landwirtschaft. Im Mittel liege die Differenz bei etwa 20%.
a) Allerdings ist die „konventionelle Landwirtschaft“ nicht wirklich weit verbreitet. Etwa 70% aller Nahrungsmittel weltweit werden nicht konventionell, sondern vielmehr traditionell, naturnah und ohne Agrochemie produziert – freilich meist ohne Zertifizierung.
b) Weltweit betrachtet stimmt die geringere Produktivität biologischen Anbaus keineswegs. Allerdings ist dieser deutlich arbeitsintensiver; Maschineneinsatz ist nur begrenzt möglich.
c) Die für unsere maschinenintensive angenommene höhere Produktivität wird freilich dadurch wett gemacht, dass ein Großteil der Produktion gar nicht zur Ernährung genutzt wird (Vernichtung von Überproduktion zur Preisstabilisierung; etwa die Hälfte der Produkte landet auf dem Müll). d) Ein Großteil der Feldfrüchte wird für unseren westlichen übeermäßigen Fleischkonsum an Tiere verfüttert, die im Übrigen unter artfremden Bedingungen (Massentierhaltung) leiden.
d) Auch für den deutschen Sprachraum gibt es seriöse Studien, wonach die Ernährungssicherheit bei 100% Bio-Landbau gewährleistet wäre.

3. Bio und Boden Der Bio-Landbau achtet genau auf die Bodenfruchtbarkeit, denn praktisch unsere gesamte Ernährung beruht darauf. Zur Herstellung gesunder Lebensmittel ist ein gesundes Bodenleben unabdingbar. Aber auch die nicht wirtschaftlich genutzte Umwelt (eigentlich Mitwelt) ist für uns Menschen unverzichtbar. Saubere Luft, reines Wasser, Artenvielfalt, stabiles Klima und auch Landschaftsästhetik sind ganz wichtige Komponenten des Lebens (nicht nur der Menschen!).

4. Wie argumentiert die Chemieindustrie, der Hauptnutznießer der „konventionellen“ Landwirtschaft?
a) „Bio ist zu teuer.“ Dabei wälzt die industrielle Landwirtschaft nicht unmittelbar erkennbare Kosten auf die Allgemeinheit über – schönfärbend wird von Externalisierung der Kosten gesprochen. Es geht dabei vor allem um Luft, Wasser, Boden, Klima und Biodiversität. Bodenverdichtung und -vergiftung, Grundwasservergiftung und -absenkung, Treibhausgasemissionen udgl.; all das geht nicht in die Kostenrechnung der industriellen Landwirtschaft ein. Dazu kommen hohe Subventionen für landwirtschaftliche Großbetriebe, zum Teil auch für die Vernichtung von Überproduktion. Beim biologischen Landbau gibt es keine „externen“ Kosten.
b) „Gegen den Welthunger helfen nur Chemie und Gentechnik.“ Tatsächlich werden große Mengen von Nahrungsmitteln aus Preisgründen (und auch wieder subventioniert) vernichtet. Dazu kommt der übermäßige Fleischkonsum bzw Konsum von tierischem Eiweiß (Eier, Milch) der westlichen Welt: Es gibt mehr als dreimal so viele Nutztiere auf unserer Erde als Menschen. Etwa 80% der Pflanzenproduktion wird an diese Tiere verfüttert. Hunger hat in der Regel politische Gründe.
c) „Für Bio gibt es nicht genug Arbeitskräfte.“ Mehr Chemie und mehr Maschinen machen Arbeitskräfte entbehrlich. Bequemere Tätigkeiten in Büros und bessere Verdienstmöglichkeiten in der Industrie vermindern das Interesse an anstrengender Arbeit auf dem Feld. Der Kostendruck durch die industrielle Landwirtschaft ist enorm, weshalb in der Landwirtschaft das Lohnniveau niedrig ist; Landarbeits- und Erntehelfer kommen daher heutzutage vor allem aus dem Ausland.
d) Fazit: Die Behauptung, industrielle Landwirtschaft sei billiger und effizienter, ist nur ein Marketingspruch. In Wahrheit geht es allein um Profit; Mensch, Mitwelt oder Klima werden als Produktionsfaktoren betrachtet und gnadenlos ausgebeutet, da diese Kosten nicht in die Kostenrechnung eingehen.

5. Erfahrungshorizonte Das Alter der Erde wird auf etwa 4.500.000.000 (viereinhalb Miliarden) Jahre geschätzt. Das Leben als solches existiert auf der Erde seit etwa 3.500.000.000 (dreieinhalb Milliarden) Jahren, Landlebewesen gibt es seit etwa 500.000.000 (fünfhundert Millionen) Jahren, Menschen (homo) leben hier seit etwa 2.000.000 (zwei Millionen) Jahren, den modernen Menschen (homo sapiens) gibt es seit etwa 300.000 (dreihunderttausend) Jahren. Die Menschheit ist seit etwa 20.000 (zwanzigtausend) Jahren sesshaft und betreibt Feldbau. Die Wissenschaft ist seit Kopernikus etwa 500 (fünfhundert) Jahre alt. Der Erfahrungshorizont der modernen industriellen Landwirtschaft reicht kaum über 100 (einhundert) Jahre hinaus. Zur besseren Vorstellbarkeit sei die Zeitlinie auf eine Weglänge übersetzt. Wenn die Geburt der Erde 45 km und der Beginn des Lebens 35 km entfernt wären, so begänne das Landleben in 5 km, der Mensch in 20 m, seine Sesshaftigkeit in 20 cm und die industrielle Landwirtschaft in 1 mm Entfernung. Angesichts dieser Zahlen erscheint die Überzeugung der Menschen, es besser als die Natur machen zu können, als blanke Überheblichkeit. Dass es der industriellen Landwirtschaft gelungen ist, einen beträchtlichen Teil der fruchtbaren Böden zu zerstören (ganz zu schweigen von der übrigen lebenden Mitwelt) ist wahrlich kein Ruhmesblatt, zeigt aber, wohin es führt, wenn das oberste Prinzip der Wirtschaft kurzfristige Gewinnmaximierung ist. Vernünftiger wäre es, sich an den Erfahrungen der Natur zu orientieren. Diese zu optimieren und nicht zu versuchen sie zu übertrumpfen, ist auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit wesentlich sinnvoller.